90 Tage klingt ambitioniert — ist aber für die meisten Eigenverkäufer machbar. Die meisten Verzögerungen entstehen nicht durch den Markt, sondern durch Planungsfehler in Woche 1–4. Dieser Leitfaden zeigt dir den optimierten Zeitplan, damit du in 90 Tagen zum Notarvertrag kommst.
Phase 1 — Vorbereitung & Vermarktung
Diese Phase bestimmt alles. Wer hier spart oder hetzt, zahlt in Phase 3 drauf — mit 30.000–80.000 € weniger netto. Nimm dir die Zeit.
Woche 1: Unterlagen sammeln & Preis ermitteln
| Tag | Aufgabe | Status |
|---|---|---|
| Tag 1–2 | Alle Unterlagen zusammenstellen: Energieausweis (Pflicht!), Grundbuch, Flurkarte, Teilungserklärung (bei ETW), Baubeschreibung, Betriebskostenabrechnungen (letzte 2 Jahre), Grundsteuerbescheid, ggf. genehmigte Baupläne. | ✅ Kritisch |
| Tag 3–4 | Marktpreisanalyse: Mindestens 5 vergleichbare Immobilien in deinem PLZ-Gebiet auf ImmobilienScout24 / Immowelt sammeln. Bodenrichtwert beim Gutachterausschuss abfragen (online oder telefonisch, kostenlos). Nettoerlös-Rechner nutzen, um deinen echten Verkaufspreis zu ermitteln. | ✅ Kritisch |
| Tag 5–6 | Restschuld prüfen: Bei aktuellem Kredit die Restschuld bei der Bank erfragen (schriftlich, für Notar). Vorfälligkeitsentschädigung berechnen lassen. Steuerfalle-Check machen — fällt Gewinn innerhalb der 10-Jahres-Frist? | ✅ Hoch |
| Tag 7 | Exposé-Entwurf schreiben: Überschrift (was verkaufst du? lage? objekttyp?), ca. 300 Wörter Beschreibung, Ausstattungsmerkmale, Preis (inkl. Provision oder provisionsfrei), Besichtigungstermine. Verkaufsfahrplan-Mitglieder erhalten ein KI-generiertes professionelles Exposé. | ✅ Hoch |
Woche 2: Exposé perfektionieren & Portal-Wahl
- Fotos professionell aufbereiten: Mindestens 8–12 Fotos (Außen, Grundrisse, Küche, Bad, Wohnzimmer, Garten, Zustand vor Renovierung). Smartphone ist okay, aber: bei Tageslicht, aufgeräumt, keine persönlichen Gegenstände. Schlechte Fotos = 60 % weniger Anfragen.
- Portal-Auswahl: Pflicht: ImmobilienScout24 (Premium-Inserat, 89 €/Monat) + Immowelt (19 €/Monat). Optional: Ebay-Kleinanzeigen (kostenlos). Nicht mehr: nur ein Portal. Je breiter gestreut, desto mehr Bieter.
- 360°-Virtualtour (optional): Kostet 100–200 €, erhöht aber Antwortquote um 30–40 %. Überlegenswert bei hochpreisigen Objekten (ab 400.000 €).
- Energieausweis kontrollieren: Pflicht seit 2014. Fehlender Ausweis = Bußgeld bis 10.000 €. Ausweis muss dem Exposé beigefügt sein.
Woche 3–4: Inserieren & erste Besichtigungen
- Am Tag 15–18: Inserate schalten. Nicht vorher — Unterlagen müssen vollständig sein. Mit der Veröffentlichung kommen die ersten Anfragen. Plane 2–3 Wochen Inseratezeit vor der ersten Preisverhandlung.
- Besichtigungen koordinieren: Alle Interessenten gleich behandeln — gleiche Zeitfenster, gleiche Informationen. Never einen Interessenten bevorzugen, bevor alle die gleiche Chance hatten.
- Interessenten qualifizieren: Nach jeder Besichtigung: Finanzierungsnachweis? Eigenkapital? Zeitfenster? Wenn ein Interessent keinen Finanzierungsnachweis vorlegen kann → sofort weiter zum nächsten.
- Mindestens 3–5 qualifizierte Besichtigungen pro Woche. 30–40 % Absprungrate nach der ersten Besichtigung ist normal. Deshalb: Pipeline voll halten.
⚠️ Verzögerungsfalle: Überhöhter Einstiegspreis
Die häufigste Ursache für einen 180-Tage-Verkauf ist ein um 10–15 % zu hoher Angebotspreis. Teste: Wenn du nach 2 Wochen weniger als 5 Anfragen hast, ist der Preis zu hoch. Senke um 3–5 % und beobachte die Reaktion. Einmal nach oben korrigieren ist einfacher als 3 Monate auf einen Käufer zu warten, der nicht kommt.
Phase 2 — Verhandlung & Einigung
Du hast qualifizierte Interessenten, jetzt geht es um den Preis. Führe nie eine Preisverhandlung mit nur einem Interessenten — halte immer 2–3 in der Pipeline.
Woche 5–6: Bieterverfahren strukturieren
- Mindestpreis festlegen: Dein absolutes Minimum (inkl. aller Kosten: Notar, Grunderwerbsteuer, Makler-Ersparnis, Restschuld). Nettoerlös-Rechner zeigt dir, was nach allen Kosten übrig bleibt.
- Verhandlungsspielraum definieren: Maximal 5–7 % unter deinem Angebotspreis. Bei 400.000 € = 20.000–28.000 € Verhandlungsspielraum. Darunter: nicht eingehen.
- Bieterverfahren: Alle Interessenten gleichzeitig über den Preis informieren. Sagen: „Es liegen mehrere Kaufinteressenten vor — eine Entscheidung muss bis [Datum] fallen." Nie Details zu anderen Angeboten preisgeben.
- Schriftliche Kaufangebote einholen: Ein schriftliches Angebot mit Preis, Zeitplan und Finanzierungsnachweis ist 10× seriöser als eine mündliche Zusage. Nimm nur schriftliche Angebote an.
Woche 7–8: Einigung & Notar vorbereiten
- Schriftliche Einigung: Nach Erhalt des schriftlichen Angebots: kurzfristig Zustimmung geben, aber nicht telefonisch fixieren. Alles schriftlich, alle Details zu Zahlungsplan, Übergabetermin, enthaltene Einbauten.
- Notar beauftragen: Jetzt. Nicht warten. Notartermine sind 2–4 Wochen im Voraus ausgebucht. Je früher du beauftragst, desto besser. Empfehlung: 7-Klausel-Check für Phase 7 nutzen — aber jetzt schon den Notar aussuchen.
- Kaufvertragsentwurf prüfen: Der Notar sendet den Entwurf 1–2 Wochen vor dem Termin. Prüfe: Kaufpreis, Zahlungsplan, Übergabetermin, enthaltene Einbauten, Vorfälligkeitsentschädigung (falls relevant).
- Restschuld-Abwicklung: Parallel: Kreditinstitut über Verkauf informieren, Vorfälligkeitsentschädigung berechnen lassen, Freigabe der Grundschuld bestätigen.
⚠️ Verzögerungsfalle: Mündliche Zusagen ohne Schrift
„Der kauft auf jeden Fall" am Telefon ist 0 € wert, bis ein schriftliches Angebot auf dem Tisch liegt. Jeder Interessent, der nach Woche 4 noch nicht schriftlich angeboten hat, sollte als Backup behandelt werden — nie als Hauptkandidat.
Phase 3 — Notar, Kaufvertrag & Abschluss
Diese Phase ist weniger in deiner Hand — Behörden und Institutionen arbeiten auf eigener Timeline. Dein Job: alle Unterlagen pünktlich liefern und den Prozess nicht blockieren.
Woche 9–10: Notarbeurkundung
- Notartermin wahrnehmen: Kaufvertrag wird beurkundet. Beide Parteien + Notar. Dauer: 60–90 Minuten. Kosten: ca. 1–1,5 % des Kaufpreises (Verkäuferseite). Notarkosten-Rechner für die Berechnung.
- Anzahlung (10 %): Nach Beurkundung zahlt der Käufer innerhalb von 10–14 Tagen die Anzahlung (typisch 10 % des Kaufpreises). Diese sichert den Verkauf.
- Finanzamt-Informierung: Der Notar meldet den Kaufvertrag automatisch an das Finanzamt. Grunderwerbsteuer-Anforderung kommt in 4–8 Wochen.
Woche 11–12: Grundbuch & Schluss
- Grundbucheintragung beantragt: Der Notar reicht den Antrag ein. Bearbeitungszeit: 4–12 Wochen (je nach Bundesland und Grundbuchamt). Geduld.
- Grunderwerbsteuer zahlen: Du als Verkäufer bist an der Grunderwerbsteuer beteiligt? In den meisten Bundesländern zahlt der Käufer, aber prüfe den Vertrag. Rechner nutzen für die genaue Berechnung.
- Restschuld ablösen: Nach Erhalt des Kaufpreises (abzüglich Anzahlung) den Kredit vollständig ablösen. Bank benötigt 2–3 Werktage.
- Übergabe: Nach vollständigem Zahlungseingang und Grundbucheintragung: Übergabeprotokoll erstellen, Zählerstände dokumentieren, Schlüssel übergeben. Übergabe-Protokoll-Vorlage nutzen.
⚠️ Verzögerungsfalle: Käufer-Rückzieher nach Beurkundung
Das kommt vor — Käufer findet ein „besseres" Angebot, Finanzierung fällt weg, oder die Kreditierung platzt. Gegenmaßnahmen: Anzahlung (10 %) sichert dich ab. Nach Beurkundung und Anzahlung hat der Käufer kein einseitiges Rücktrittsrecht mehr — er müsste schon Schadensersatz zahlen. Prüfe im Kaufvertrag die Rücktrittsklauseln.
Typische Verzögerungsfallen — und wie du sie umgehst
🚨 Notar-Terminwartezeit
- Notare sind 2–4 Wochen im Voraus ausgebucht
- Lösung: Notar in Woche 7–8 beauftragen, nicht warten
- Alternative Notare kontaktieren, falls kein Termin frei
🚨 Finanzamt-Verzögerung
- Grunderwerbsteuer-Bescheid: 4–8 Wochen Wartezeit
- Lösung: Steuerberater vorschalten, Unterlagen komplett einreichen
- Prüfe: zahlt wirklich der Käufer oder du als Verkäufer?
🚨 Käufer-Finanzierung
- Kreditprüfung dauert 3–6 Wochen nach Notartermin
- Lösung: schriftlichen Finanzierungsnachweis vor Vertragsschluss
- Bankbestätigung oder Kreditzusage einholen (nicht mündlich)
🚨 Restschuld-Probleme
- Vorfälligkeitsentschädigung oft 5–10 % der Restschuld
- Lösung: in Woche 1–2 die genaue VFE berechnen lassen
- Sonderkündigungsrecht nach 10 Jahren (§ 489 BGB) prüfen
90-Tage-Checkliste zum Ausdrucken
Woche 1–4
- Energieausweis bestellen/anfordern — Pflicht ab Tag 1, Bußgeld bis 10.000 € ohne
- Grundbuch, Flurkarte, Teilungserklärung beschaffen — beim Amt oder online
- Marktpreisanalyse mit 5 Vergleichsobjekten — ImmobilienScout24 / Immowelt
- Nettoerlös berechnen — Rechner nutzen
- Steuerfalle-Check machen — §23 EStG prüfen
- Restschuld und VFE bei Bank erfragen — schriftlich
- Exposé schreiben (300+ Wörter) — oder KI-generiertes Exposé erstellen
- Professionelle Fotos (8–12 Stück) — bei Tageslicht, aufgeräumt
- ImmobilienScout24 + Immowelt Premium-Inserate schalten — Woche 3–4
- Besichtigungen planen und durchführen — 3–5 pro Woche anstreben
Woche 5–8
- Qualifizierte Interessenten identifizieren — schriftlicher Finanzierungsnachweis
- Mindestpreis und Verhandlungsspielraum festlegen
- Mindestens 3 schriftliche Kaufangebote einholen
- Schriftliche Einigung mit einem Käufer
- Notar beauftragen — Termin sichern, 2–4 Wochen Vorlauf
- Kaufvertragsentwurf prüfen — alle Klauseln checken
- Kreditinstitut über Verkauf informieren — Restschuld + VFE
Woche 9–12
- Notarbeurkundung wahrnehmen
- Anzahlung (10 %) kontrollieren — nach 10–14 Tagen auf Konto
- Grunderwerbsteuer-Bescheid prüfen
- Grundbuch-Eintragung abwarten — 4–12 Wochen
- Restschuld vollständig ablösen
- Übergabe-Protokoll erstellen — Zählerstände, Schlüssel, Zustand dokumentieren
- Schlüssel übergeben — erst nach vollständigem Zahlungseingang
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